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Reinigen Sie schon oder Polieren Sie noch?

Von Adina Mauder

Karies und Parodontitis sind vermeidbar. Die durch mikrobielle Besiedlung von Zahnoberflächen entstehende dentale Plaque (Biofilm) gilt als ätiologischer Faktor für Karies und Parodontitis, die häufigsten Infektionskrankheiten in der westlichen Welt. Biofilme sind komplexe dreidimensionale Strukturen in denen z.B. Bakterien in eine schleimartige extrazelluläre Matrix eingebettet sind. Sie entstehen nicht nur in der Mundhöhle sondern überall an feuchtwarmen Grenzflächen. Die Bedeutung bei der Entstehung von z.B. Parodontitis und Karies ist mittlerweile wissenschaftlich anerkannt. Die Wissenschaft sucht schon seit Jahrzehnten nach effizienten Mitteln zur Entfernung und Prävention von Biofilm.

Obwohl wir neue Erkenntnisse zum Biofilm haben, verwenden wir noch Hilfsmittel aus der Zeit, als sub- und supragingivaler Zahnstein im Fokus der Ätiologie standen. Warum entfernen wir zuerst Zahnstein mit Handinstrumenten und elektrischen Scalern, obwohl der lebende Biofilm im Mittelpunkt steht? Warum polieren wir noch mit Gummikelchen und Bürstchen, die nachweislich Hart- und Weichgewebe angreifen?? Warum nutzen wir vier Methoden zur Biofilmreinigung, nämlich Ultraschall, Rubber Cups, Handinstrumente und Polierpaste? Gibt es denn nicht nur eine Methode, die vollkommen schmerzfrei, zeitsparender und effektiver ist?

Glücklicherweise erleben wir im Ablauf und der Durchführung der Prophylaxe gerade einen weiteren Paradigmenwechsel. Das neue Protokoll für die Recallstunde ist die sogenannte Guided Biofilm Therapy. Gestützt auf zahlreichen wissenschaftlichen Studien und gemeinsam von Spezialisten aus Universitäten, der Praxis und der Firma EMS entwickelt, wird die Guided Biofilm Therapy (GBT) immer beliebter. Ich selbst liebe es, die einfache, angenehme und vor allem eine substanzschonende Behandlung für meine Patienten anbieten zu können. 

Was heißt Guided Biofilm Therapy überhaupt? Ganz einfach : GBT ist mein Erfolgskonzept, ein Ablaufprotokoll eingeteilt in mehreren Schritten, die sich leicht erklären lassen: Befunde erheben, Anfärben, Aufklärung über häusliche Mundhygienemaßnahmen einschließlich, Remotivation, sub- und supragingivales Biofilmmanagement mit den richtigen Instrumenten, schonende und tatsächlich notwendige Therapie bzw. Behandlung des Patienten, Qualitätskontrolle, Empfehlungen und individuelle Einschätzung des Recall Intervalls.

Besonders wichtig ist dabei das Anfärben der krankmachenden Beläge. Diese und die erhobenen Befunde führen den Behandler während der Zahnreinigung. So erreichen wir optimale Ergebnisse zum Wohle des Patienten. Dabei behandeln wir in der am wenigsten invasiven Weise bei gleichzeitig höchstem Komfort. GBT eignet sich für gesunde Patienten inklusive Kinder, Patienten mit kieferorthopädischen Apparaturen, Patienten mit Karies, Gingivitis, Parodontitis, Perimukositis oder Periimplantitis.

Was GBT für mich bedeutet

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GBT veränderte nicht nur meinen Arbeitsablauf, sondern auch mich persönlich. Seit 18 Jahren bin ich als Dentalhygienikerin tätig, arbeite ebenfalls als Dentalcoach bei der Swiss Dental Academy. In meinen Seminaren lege ich einen Schwerpunkt auf individuelle Prophylaxekonzepte. Ich konzentriere mich nicht ausschließlich auf die Entfernung von Zahnstein und Konkremente , sondern auch Biofilm.. Es sollte  doch die Aufgabe des Praxisteams sein, eine optimale und individuelle Prophylaxe für lebenslange Mundgesundheit anzubieten. Wir sollten in der zahnmedizinischen Praxis ein individuelles Konzept nutzen, das neueste Erkenntnisse mit mehr Lebensqualität für den Patienten und höherem Ertrag für die Praxis verbindet. Dieses Konzept ist für mich die Guided Biofilm Therapy. Seit ich GBT kenne, hat sich mein Behandler-Tray komplett verändert. Ich benötige weniger Instrumente, nutze diese aber viel effektiver.  Auch habe ich mich verändert ! Als ohnehin fröhlicher Mensch bin ich noch glücklicher geworden, habe mehr Spaß bei der Arbeit und sehe, wie gerne Patienten wiederkommen möchten – denn schließlich hatten sie gerade eine sanfte Behandlung und ein aufschlussreiches Gespräch über ihre individuelle Mundhygiene mit mir. Ich sehe, wie wohl sich der Patient fühlt und wie wohl ich mich fühle.  

Die acht Schritte von GBT

Was ist das Geheimnis von GBT? Kurz gesagt: Ultraschallinstrumente (PIEZON®)No Pain und AIRLFOW mit niedrigabrasivem erythritolbasiertem PLUS® Pulver ersetzen Handinstrumente und klassische Politur. Die GBT vereint diese Technologien in acht aufeinander folgenden Behandlungsschritten:

Punkt 1: Befunde

Keine Therapie ohne eine gründliche Befunderhebung von Karies und parodontalen Erkrankungen. Dies erledigen wir mit den klassischen Tests z.B. PSI ( Parodontaler Screening Index,/  Approximalraum  Plaque Index /( API) und Sulcus Blutungs Index ( SBI) Um eine genaue Reproduzierbarkeit der Indices zu gewährleisten, ist es für das gesamte Prophylaxeteam einer Praxis ratsam, sich auf die Dokumentation bzw. Auswertung eines bestimmten Index und Systems zu einigen.

Wir müssen  wissen, ob der Patient Medikamente einnimmt/ Systemische Erkrankungen hat (z.B.  Diabetiker ist, einen Herzschrittmacher hat oder etwa eine Allergie besitzt. Die Anamnese muss genau abgeklärt werden. Mithilfe der gefilterten Angaben stellen wir sicher, welche technischen und materiellen Hilfsmittel für die Prophylaxesitzung benutzt werden können, ohne den Patienten und auch den Behandler einem gesundheitlichen Risiko auszusetzen.  Nach der visuellen Inspektion der Zähne erfolgt  die Kontrolle der Mundhöhlenschleimhäute. Wichtig: Wir beginnen vor der Behandlung grundsätzlich mit einer Mundspülung, um den Patienten und den Behandler zu schützen.

Punkt 2: Anfärben

Farbe macht das Leben spannend! Angefärbter Biofilm ist der beste Weg, um den Patienten die für ihn richtigen Putzbewegungen (Putztechniken )zu zeigen. Wir färben an, um den Patienten zu motivieren. Der Patient lernt durch das Sichtbarmachen des Biofilms seine Probleme besser kennen und zeigt nachgewiesen mehr Compliance.

Das Anfärben hilft dem Behandler noch viel mehr! Wir können den Biofilm zielgenauer entfernen – ein echter Mehrerfolg. Studien ergaben, dass ohne Anfärben etwa 20 Prozent des Biofilms verbleiben, vor allem supragingival. Nur wer anfärbt, kann also auch bis zu 100 Prozent der supragingivalen Beläge entfernen. Das heißt auch: Wo nichts ist, muss auch nicht gereinigt werden. Früher reinigten wir jeden Zahn, aber vergaßen die Hälfte.

Punkt 3: Motivation und Mundhygieneinstruktion

Motivation ist der Motor der Patientenzufriedenheit.  Befunde sind deshalb Basis einer erfolgreichen Instruktion und Motivation der häuslichen Mundhygiene. Nur wenn der Patient seine Situation versteht, bleibt er motiviert. Die Motivation und individuelle Instruktion ist bei der GBT deshalb ein zentraler und anspruchsvoller Baustein. Ich empfehle für die häusliche Mundhygiene individuell auf den Patienten abgestimmte und passende Hilfsmittel.

Sehr gern empfehle ich  Philips Sonicare Zahnbürsten (31.000 Bürstenkopfbewegungen) und Philips  Airfloss wegen ihrer Schalldynamik und minimal-invasiven Wirksamkeit! Die Reinigungserfolge der Patienten, die mit dieser Technologie bzw. Kombination geschult arbeiten, haben sehr gute Mundhygieneergebnisse. Gerade bei zahnfleischerkrankten Patienten und Patienten mit ungünstigem Lebensstil sehe ich noch bessere Erfolge in der Stabilisierung.

Punkt 4: AIRFLOW

Wir entfernen zuerst den Biofilm! Warum zuerst Biofilm? Ganz einfach: Wie schon erwähnt -Zahnstein und Konkremente allein waren noch nie Ursache einer Erkrankung. Hauptursache  vieler Probleme in der Mundhöhle ist die Qualität des Biofilm und dessen negative  Prozesse und Auswirkungen –weitreichend - sogar den  gesamten Körper betreffend. Wenn wir zuerst Biofilm entfernen, schleusen wir Bakterien aus und stoppen dadurch Erkrankungen. .

Auch Verfärbungen können wir erfolgreich mit einer guten und gelernten Arbeitsweise entfernen. Zahnsteinablagerungen jeglicher Art-  auch Konkremente werden während der Arbeit leichter identifiziert und supra-, und subgingival sichtbar. Somit kann zielgenauer gearbeitet werden. Wir schützen den Patienten vor Übertherapien. Das sollte das Ziel  einer jeden Behandlung am Patienten sein !

Tatsächlich notwendige und geeignete Instrumente werden überlegter ausgewählt.  Nur dort, wo tatsächlich Behandlungsbedarf besteht - sollte gearbeitet werden. Die Entfernung von weichen Ablagerungen und Verfärbungen wird uns nun einfach gemacht. Der Patient spürt unsere Arbeit sanfter. Eine sehr sanfte minimalinvasive, atraumatische, zielgenaue auf die eigentliche Patientenproblematik abgestimmte Arbeit ist nun möglich geworden. Ebenfalls reinigt die neue Technologie bei Engständen/ Verschachtelungen und schwer zugängliche Stellen, die mit Polierkelch und Bürstchen nicht erreichbar sind. Zudem können wir die Zunge sowie den Gaumen reinigen.

Freiliegende Zahnhälse haben wir ebenso im Griff, ohne das Zement/Dentin zu beschädigen. Ob Gingivitits, Parodontitis oder Periimplantitis: Dank AIRFLOW und Pulver Plus kommen wir sulkulär bis zu vier Millimeter subgingival und wer einmal mit Gummikelchen an kieferorthopädischen Apparaturen hängen geblieben ist und dann die Pulver-Wasserstrahl-Therapie nutzte, will nicht mehr darauf verzichten .

Punkt 5: PERIOFLOW

Für das Entfernen von subgingivalem Biofilm in parodontalen und periimplantären Taschen von 4 bis zu 9mm empfehle ich den Einsatz von PERIOFLOW®. Dank der Perioflow Nozzle konnten wir bereits Millionen Parodontaltaschen behandeln und haben sehr gute Ergebnisse, beispielsweise im Falle einer Periimplantitis. Ich empfehle die Anwendung sechs bis acht Wochen nach der Initialtherapie. Wichtig ist hierbei darauf zu achten nicht horizontal am Zahn und der jeweiligen Tasche zu arbeiten, sondern Tasche pro Tasche, langsam und  ohne Druck, sehr sanft. Hierbei ist eine vertikale Arbeitsweise notwendig.

Punkt 6: PIEZON

Wenn Zahnstein vorhanden ist, wähle ich die modernste Technologie: PIEZON®. PIEZON® NO PAIN basiert auf einer piezokeramischen Energieumwandlung von linearen Bewegungen. Hier treten Handinstrumente in den Hintergrund. PIEZON® arbeitet sehr genau, intelligent und minimalinvasiv. Dabei eignet sich die PS Spitze sehr gut für die supra- und subgingivale Anwendung, während wir mit dem PI Instrument auch an Titan- oder Keramikoberflächen arbeiten können. Wir führen das Instrument ohne Druck  ( PS Instrument parallel zur Zahnoberfläche )über die Zahnflächen,  somit hinterlassen wir keinen Substanzverlust und veränderte Oberflächenstrukturen . Der Patient empfindet diese Arbeitsweise als sehr angenehm.

Punkt 7: Kontrolle

Wir müssen sicherstellen, dass wir den gesamten Biofilm und Zahnstein entfernt haben. Dies erwartet der Patient von einem Profi in unserem Berufsfeld. Ich empfehle die Kontrolle mit einer feinen Tastsonde und Lupenbrille. Nach der chemischen Plaquekontrolle  folgt die Abschlussuntersuchung und Abschlussdiagnose  des Zahnarztes .

Punkt 8: Recall

Wir wollen langfristig stabilisieren, erhalten und vermeiden. Dies gelingt nur durch den regelmäßigen Recall. Der Patient muss die Praxis mit einem Recalltermin verlassen und wir müssen auf Grundlage der Befunde deshalb sofort den Folgetermin festlegen. Dieser richtet sich nach zahlreichen individuellen Faktoren und Risiken, darunter die allgemeine Anamnese, das Ernährungsverhalten, Konstruktionen, anatomische Verhältnisse, die Putzgewohnheiten und der allgemeine Mundhygienezustand.

FAZIT:

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Wir sollten uns täglich fragen: Welche Wirksamkeit und welchen Nutzen hat jede Methode? Wie ist der Reinigungseffekt, wie sind die klinischen Parameter? Welchen Zeitaufwand habe ich? Welche Sicherheit bietet mir die Methode bei Hartgewebe, Weichgewebe und Restaurationsmaterialien? Welchen Patientenkomfort kann ich bieten?  Wie stelle ich die Gesundheit meiner Patienten  sicher? Handinstrumente und klassische Politur bieten keine zufriedenstellenden Antworten, GBT dagegen schon.

GBT ist ein wissenschaftliches Erfolgskonzept für jede Zahnarztpraxis. Ein intellegenter Leitfaden für jeden Behandler. GBT gibt Sicherheit und perfektioniert den Weg zum Erfolg und führt zu noch besseren Therapie bzw. zahnmedizinischen Prophylaxeergebnissen!!!

Ich empfehle dem gesamten Praxisteam, GBT einmal ausprobieren – Sie werden begeistert sein.